Luc Spada zu Besuch in der 3CA:

Jeder liest sein eigenes Buch!

Unsere Schule hatte am 21. Juni 2018 den Luxemburger Schriftsteller und Schauspieler Luc Spada zur Preisverleihung unseres diesjährigen Lesewettbewerbs eingeladen. Vor seinem Auftritt bei dieser Veranstaltung schaute er in unserer Klasse vorbei, um mit uns über seinen neuen Lyrik-Band ,,Fass mich an‘‘ zu sprechen. Als ich dieses Buch einige Wochen zuvor zum ersten Mal zur Hand nahm, musste ich feststellen, dass es nicht einmal ansatzweise dem entsprach, was ich mir vorgestellt hatte: ein einfacher Roman, der passend zum Titel von Liebe oder einem Kriminalfall handelt, wie gewohnt durchstrukturiert mit einem klaren Anfang und einem Schluss. Weit gefehlt! Das Buch besteht aus vielen Gedichten, die zum Teil gar nichts miteinander zu tun haben und die oft sehr schwer zu verstehen sind. Manche Wörter sind durchgehend groβgeschrieben, andere dafür klein, obwohl das eigentlich „falsch“ ist; auf manchen Seiten sind nur ein Satz oder sogar nur drei Punkte abgebildet (die nebenbei bemerkt die einzigen im ganzen Buch sind),… In einigen der Gedichte verbirgt sich eine ganz deutliche Wut und Kritik. Als Beweis dafür können die vielen Kraftausdrücke gelten, die sich häufig finden; es gibt sogar ein ganzes Gedicht, das nur aus solchen Wörtern besteht, deren Wirkung dann aber durch die Häufung abgeschwächt wird.

Manche Gedichte ergaben für mich einen Sinn und andere habe ich einfach nicht verstanden und werde es vermutlich auch nie. Ich war nicht die Einzige, der es so ergangen war, und so sprachen wir Luc Spada gleich zu Anfang darauf an. Daraufhin fragte er uns, was genau denn so schlimm daran sei, nicht immer alles zu verstehen, da es nicht nur darauf ankomme, was man beim Lesen denkt, sondern auch auf das, was man fühlt. Als eine von uns Schülerinnen von ihm wissen wollte, ob ihre Interpretation eines Gedichts mit dem übereinstimme, was er ausdrücken wollte, antwortete er einfach mit Nein und erklärte, dass das auch überhaupt keine Rolle spiele, denn nach der Veröffentlichung eines Buchs habe jeder Leser das Recht, es so zu interpretieren, wie er will, ohne dass es „falsch“ ist.

Der Schriftsteller Martin Walser erklärt in seinem Text ,,Die Rolle des Lesers von literarischen Texten‘‘, den wir vor Kurzem in der Klasse durchgenommen haben, dass ,,jeder Leser ein Naturrecht auf die eigene Empfindung und Leseerfahrung habe.‘‘ Mit dieser Aussage macht er deutlich, dass es kein Richtig oder Falsch gibt, wenn es sich um das Lesen und Verstehen eines Buchs handelt, da jeder Mensch es aufgrund eigener Erlebnisse auch individuell und damit anders interpretiert. Doch dem wird in der Schule kaum jemals Rechnung getragen. So lesen wir Klassiker wie zum Beispiel das Drama „Andorra“ von Max Frisch und der Lehrer erklärt uns von der ersten Stunde an, wie es zu verstehen und zu interpretieren ist. Dadurch sind wir gezwungen, in der Klassenarbeit genau das zu schreiben, was uns vorgegeben wurde, um nicht durch die Prüfung zu rasseln. Infolgedessen versuchen wir, jedes neue Buch genau so zu verstehen wie die Lehrer und die, wie wir glauben, einzig richtige Interpretation zu finden. Luc Spada hat uns einen anderen Weg aufgezeigt, der im Grunde dem entspricht, was Walser in seinem Text versucht zu erklären.

Ich persönlich mag sein Buch, da ich es interessant finde, eben gerade, weil es durch die mangelnde Struktur, das Unverständliche und die vielen Kraftausdrücke etwas ganz anderes ist als das, was wir sonst lesen. Was den Autor angeht, so gefiel mir, dass er uns mithilfe einer Übung dazu motiviert hat, auch selbst zu schreiben, dass er sehr offen mit uns gesprochen hat, und dass er sogar zugab, dass Kritik ihm schon etwas ausmache, was er nicht hätte sagen müssen. Auβerdem teile ich seine Ansicht, dass es keine falsche Interpretation gibt, solange man sie nur begründen kann: Jeder versteht einen Text auf seine eigene Weise – jeder liest immer nur „sein“ Buch!

Jessica Calçada, 3CA

Wer die Herausforderung annehmen will, sollte unbedingt durch „Fass mich an“ blättern! Hier eine kleine Kostprobe:

,,Fass mich an’’

75

ich bin wirklich auf der suche und

ich hasse suchen weil

nie finde weil

ich immer gefunden werden will

nichts ist natürlich

nichts kann ich natürlich versprechen

nicht einmal mir

nicht einmal mir versprechen

mich ernst nehmen

mich nehme ich viel zu ernst

das verspreche ich dir

ich widerspreche mich

versprichst du dich?

dir sowieso

 

Luc Spada